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Samstag, 10. Januar 2009

4874 Meter über Meer

In La Unión legten wir zwei velofreie Tage ein, damit Didi seinen Verdauungstrakt besänftigen konnte. Während dessen begab sich Adi auf Erkundungstour. Die Wanderung führte durch eine über der Stadt gelegene Hochebene. Verstreute Siedlungen, weidende Pferde und diverse Vogelscharen erinnern eher an die ungarische Puszta als an die peruanischen Anden.

Dunkelgraue Gewitterwolken bildeten die Kulisse für die Besichtigung der Überreste der Inkastätte Huánuco Pampa. Die Mauer auf dem Bild gehörte zu einem Tempel. Noch heute wird hier jährlich ein Fest zu Ehren der Sonne veranstaltet.


Um nach Huaraz und anschliessend nach Trujillo zu gelangen, waren ein letztes Mal hohe Andenpässe zu überqueren. Eine erste Tagesetappe ab La Unión führte uns nach Huanzala, eine auf rund 4000 Metern über Meer gelegene Bergbaustadt, wo wir in einer Bergarbeiterwohnung logieren durften.

Am nächsten Tag ging es bei schönem Wetter weiter aufwärts. Die einzigartige Berglandschaft mit Gesteinen in allen erdenklichen Formen und Farben entschädigte die Mühen des Anstiegs!


4874 Meter über Meer zeigte schliesslich Didis GPS-Gerät an der höchsten Stelle. Höher als der höchste Berg der Alpen, der Mont Blanc! Doch anders als bei uns in Europa ist hier die Planzenwelt in dieser Höhe noch erstaunlich vielfältig.


In dieser Umgebung könnte man Tage verbringen um die Eindrücke mit der Kamera festzuhalten! Leider verschlechterte sich das Wetter zunehmend, so dass einerseits die optimale Beleuchtung für Fotos fehlte, andererseits die aufziehenden Gewitter zur Eile antrieben.


Dunkle Wolken umhüllten uns. Die einsetzenden Hagelschauer gingen schliesslich während der Talfahrt in Regen über. Die letzten zwei Stunden unserer Königsetappe standen dann ganz im Zeichen von Durchnässung und eisiger Kälte. Während den gelegentlichen Zwischenstopps versuchten wir jeweils die gefühllosen Finger wieder einigermassen aufzutauen. Die Füsse liessen erst im Hostal mit einer warmen Dusche aufwecken.

Silvester / Neujahr

Bevor wir Huánuco verliessen, wurden wir von verschiedenen Seiten gewarnt, die Leute im kommenden Tal seien sehr unfreundlich und wir sollen auf keinen Fall wild zelten, lieber einen Bauern um Erlaubnis fragen, ob wir auf seinem Grundstück übernachten dürfen. Von dieser "Unfreundlichkeit" merkten wir auf der ganzen Strecke absolut nichts.

Kurz nach der Stadt waren Arbeiter daran, Bäume am Strassenrand zu fällen. Leider war nichts beschildert und so stoppten wir instinktiv, als vor uns eine Motorsäge aufheulte und kurz darauf ein Baum über die Strasse krachte.


Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schauten wir uns nach einem ebenen Plätzchen um, um das Zelt aufzubauen. Ein kleines Mädchen kam zu uns hin und erklärte uns, ihre Abuelita (Oma) hätte ein Zimmer für uns. Kurz darauf bezogen wir so unser Indoor-Nachtlager im oberen Stock einer Lehmhütte. Das einzig beängstigende war der Boden, der bei jedem Tritt einige Zentimeter einsackte.


Der nächtliche Regen weichte die Strasse derart auf, dass der folgende Tag eine rechte Schlammschlacht wurde.


In Peru - so kam es uns vor - wird zwischen Weihnacht und Silvester durchgefeiert. Am 31.Dezember stiessen wir in jedem Dorf auf Silvesterkläuse, die maskiert und tüchtig angetrunken die Passanten (Rad, Auto, Car) aufhielten und sich so einige Soles für den nächsten Drink "ergattern" wollten. Am einfachsten kamen wir mit viel Anlauf durch solche Strassensperren.


Die Silvesternacht verbrachten wir dann in Chavinillo, einem kleinen Bergdorf, wo höchst selten ein Gringo auftaucht. Die Restaurantbesitzer Familie Muñoz nahm uns herzlich in ihre Runde auf und wir tranken einige Gläser Bier zusammen. Danach liessen wir mit einer maskierten Gruppe "Negritos" und mit Guggenmusik auf der Dorfplaza und in der Kirche das alte Jahr ausklingen. Als Abschluss wurden wir von den Muñoz zum Mitternachts-Mahl eingeladen, einer Suppe, Panetone und heisser Schokolade.


Leider begann dann der erste Januar für Didi mit einer erneuten "Magen-Darm-Störung" (-> nein, daran war nicht der Alkohol schuld!), weshalb wir nach einer kurzen Weiterfahrt in Tingo Chico Halt machten. Die einzige Verpflegungsmöglichkeit war eine Art "Snack-Bude", wo es als einzige Speise Pachamanca gab, eine traditionell in einem Erdloch auf heissen Steinen gegarte Spezialität Perus mit Kartoffeln, Erbsen, Fleisch und süssen Maistaschen. Auf unserem Teller landeten zwar nur ein paar trockene "Gschwellti" und ein Stück Schweinefuss, welchen wir hungrig abnagten, während uns durch das Blechdach der Regen auf den Kopf tropfte...

Tags darauf setzten wir die Reise durch das grüne Tal bis nach La Unión fort. Unterwegs machten wir im Dorf Pachas einen kurzen Halt um etwas zu trinken. Wir zählten dabei 40 Personen, welche sich um unsere Räder scharten und vor allem von der Strassenkarte extrem beeindruckt waren. Hierzulande kriegen die Schüler bestimmt keine "Schulkarte Peru".

Dienstag, 30. Dezember 2008

Unsere Begleiter

Immer wieder erhalten wir vier- oder dreibeinige Begleitung:


Unsere Anti-Hunde-Strategien erstrecken sich vom Wasserstrahl aus der Trinkflasche über den Fusstritt bis zum gezielten Steinwurf. Die meisten der aufdringlichen Viecher lassen sich bereits von einer Steinwurfgeste zu einem Sicherheitsabstand bewegen.

In höheren Geschwindigkeitsbereichen kommt noch Flucht als Alternative hinzu. Bis jetzt hat kein Hund mehr als 38 km/h hingelegt!

Sonntag, 28. Dezember 2008

Rio Mantaro

Während 7 Velofahrtagen begleiteten wir den Rio Mantaro flussaufwärts durch eine sehr abwechslungsreiche Landschaft. Der erste Teil führte uns durch eine staubige Wüste mit Kakteen und tiefen Canyons.


Im kleinen Dorf San Miguel de Mayocc sorgte die Wirtin Lucha, hier mit Familienmitgliedern, für unser leibliches Wohl.


In La Esmeralda wurden wir Zeugen der Promotionsfeier der Primarschule. Clown Rudolfo und sein Bruder alias Winnie Puuh führten durch den Abend, hier auf dem nächtlichen Weg von unserem Hostal zum Einsatz ...


Am nächsten Tag erregte eine blutige Szene unsere Aufmerksamkeit: Eine Frau war damit beschäftigt, vor ihrem Haus ein Rindvieh in seine Bestandteile zu zerlegen und mit Hilfe von Salz zu konservieren.


Das Tal wurde weiter, die Vegetation grüner...


In kleineren Städten wie hier in Jauja wird der Personenverkehr zur Hauptsache von Dreiradtaxis abgewickelt.


Vorteil: Im Fall eines Falles braucht man keinen Wagenheber ...


Innerhalb weniger Kilometer änderte sich die Landschaft abermals. Weisse vegetationslose Felsen durchzogen von bunten Streifen geben vor dem aufziehenden Gewitter ein eindrucksvolles Bild.


Aus diversen Steinbrüchen wird Gestein in die Industriestadt La Oroya gekarrt, wo Metalle wie Blei, Kupfer, Zink und Silber gewonnen werden. Saurer Regen sorgt dafür, dass das Gebiet um die Stadt grossräumig mit Schwermetallen verseucht ist. Da das Trinkwasser der Bevölkerung nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt aus dem Rio Mantaro gefasst wird, haben 70% der Kinder einen zu hohen Bleigehalt im Körper.

Sonntag, 30. November 2008

Cusco

Adis Ankunft in Cusco

Adis erste Peruwoche bestand aus aprender español und conocer a Lima. Danach gings per Flugzeug nach Cusco. Der Höhenunterschied von über 3000 Metern zwischen Lima und Cusco sowie eine Erkältung machten eine ca. 10-tägige Akklimatisierungs- und Erholungspause nötig, in welcher u.a. Adis neues Velo aus der Transport-Kiste befreit und reisefertig gemacht wurde.


Die Stadt

Cusco (3400 m.ü.M.) ist das Interlaken von Peru. Beinahe jeder Peru-Besucher macht hier Halt um das nahegelegene Machu Picchu und weitere Inka-Ruinen zu besuchen. Bei Schlendern über den Hauptplatz, den Plaza de Armas wird man alle paar Meter mit Angeboten wie "masaje amigo - maybe later?", "¡free drinks!" oder "¡jhappy hour!" überhäuft. Betritt man "freiwillig" ein Lokal, so folgt einem ein "Zuhälter", welcher die Provision für die neuen Gäste kassieren möchte.


Hostal Moon

Das Hostal Moon war unser gemütliches Zuhause in Cusco. Zusammen mit unseren Velos logierten wir in einem der 6 Zimmer. Im kleinen Innenhof des Hostals wachsen Himbeeren (frambuesas) , Zwetschgen (ciruelas), Kartoffen (Papas), Pefferminze (Herba Buena), ... Wir fühlten uns sehr wohl im Moon, insesondere dank den beiden Hostalerinnen Judith und Elisabeth, welche uns immer wieder Einblicke und Kostproben der lokalen Küche gaben.


Sacsayhuamán

Nachdem sich Adrian etwas an die Höhe gewöhnt hatte, machten wir uns an den steilen Aufstieg zu den über der Stadt gelegenen Ruinen des Sacsayhuamán. Hier sahen wir die bis anhin eindrucksvollsten Inka-Steine. Die zum Teil mehrere Meter grossen Steine passen millimetergenau ineinander!


Wie an jedem Touri-Ort hat es zig Inka-Frauen, welche Kleider, Schmuck oder Esswaren an den Tourist bringen wollen. Die Lamas und Alpakas sind nicht etwa dabei um die Waren zu transportieren, sondern um gegen Bares von den Touris abgelichtet zu werden.

Mercado

Hier gibt es Früchte, Gemüse, diverse Tier-Bestandteile, und weitere Lebensmittel zu kaufen. Daneben sind auch leckere Speisen wie z.B. Ceviche und diverse Kleider im Angebot.


Didis neue Felge

Da auch Didis 2te Felge den Strapazen nicht gewachsen war, musste für Ersatz gesorgt werden. Didi wurde in einem der beiden Fahrradgeschäften fündig. Doch damit war die Sache noch nicht erledigt! Erst drei Tage und etwa 6 Besuchen im Geschäft später konnte das neu eingespeichte Hinterrad mitgenommen werden. In Südamerika dauert eben alles ein bisschen länger!

Dienstag, 11. November 2008

Puno bis Cusco

Die Strecke vom Titicacasee bis nach Cusco war landschaftlich sehr interessant und wunderschön. Bei idealstem Wetter verliess ich Puno und fuhr via Juliaca richtung Norden. Da die Strasse dem Flusslauf aufwärts folgte, waren keine grossen Steigungen zu meistern. Die anfangs noch ziemlich dicht besiedelte Region verwandelte sich bald in eine einsamere Gegend, wo auch sehr wenig Verkehr herrschte.


Als am späteren Nachmittag eine dunkle Gewitterfront mit Sturmböen vor mir aufzog, beschloss ich kurzerhand, am nahen Flussufer etwas abseits von der Strasse das Zelt aufzuschlagen und hier die Nacht zu verbringen. Neben einigen duzend Flamingos ass ich Znacht und war kurz nach Einbruch der Dunkelheit auch schon im Schlafsack.

Wenig später wurde ich von einem Traktor aufgeschreckt, welcher im Dunkeln nur wenige Meter neben meinem Zelt einige male hin- und herfuhr, mich jedoch nicht entdeckte. Am nächsten Morgen war das Feld oberhalb meines Nachtlagers gepflügt.


Die aufgehende Sonne lockte mich bereits um 5.30 aus dem Zelt, was für mich extrem früh ist!!! Es lohnte sich aber in jeder Beziehung und ich war so früh wieder im Sattel, dass ich im nächsten Dorf am Strassenrand bereits einen Znüni nehmen konnte: Gekochter Maiskolben mit Frischkäse, eine Empanada (mit Gemüse gefüllte Teigtasche) und ein Glas Chicha (-> sprich Tschitscha), einem vergorenen Maissaft, der etwas wie saurer Most schmeckt.

Je weiter die Strasse richtung Norden bzw. Passhöhe kam, desto karger wurde die Landschaft. Kaum noch wurden die Felder bewirtschaftet, höchstens einige weidende Lamas bekam man zu Gesicht. Dafür kamen mir 2 schweizer Radler entgegen und wir tauschten einige Infos und Erfahrungen aus. Auch diese Nacht verbrachte ich im Zelt, welches ich in einem verlassenen Viehunterstand aufstellte.


Am nächsten Morgen setzte ich das "Frühaufstehen" fort und schon bald stand ich oben auf der Passhöhe von 4338m.ü.M. Dort verkauften einige Peruanerinnen ihre Handwerkswaren und Kinder standen mit Lamas an der Leine bereit, um den hier haltenden Touristen ein paar Soles für ein Foto abzuknöpfen.


Auf der anderen Passseite ging es praktisch alles dem Fluss entlang leicht bergab, was ich ausnutzte und zu meiner bisher längsten Tagesetappe machte: 155km. Erstaunlicherweise war die Gegend auf dieser Seite des Passes fruchtbar und grün, der Mais stand mannshoch und die Bauern waren mit pflügen und eggen beschäftigt.

Auf der letzten Etappe bis nach Cusco stachen mir verschiedene kulinarische Neuheiten ins Auge. In einem Dorf (nicht grösser als Bisikon) hatte praktisch jedes Haus ein Schild mit der Aufschrift "Cuy al horno" ausgehängt. Das wären jetzt eben gebackene Mehrschweinchen...


In einem Dorf danach waren in Glasvitrinen riesige Pommes-Chips ausgestellt. Meine Neugier liess mich nicht vorbeifahren ohne nachzufragen. So erhielt ich ein (kleines) Stück zum probieren und erfuhr, dass es sich dabei um "Tocto", frittierter Schweinshaut und Spezialität des Dorfes handelt.


Den letzten Stopp legte ich bei einer Familie ein, welche am Strassenrand mit der Herstellung von "Adobe" beschäftigt war. Adobe sind Backsteine aus Lehm, welche hier das wichtigste Baumaterial für Häuser darstellen. Zur Erhöhung der Stabilität wird Stroh in die feuchte Masse eingearbeitet, bevor daraus Blöcke gemacht werden. Bei diesem Arbeitsgang durfte ich mich nützlich machen...


Puno und die Inseln

In Puno traff ich während meines fast wöchigen Aufenthaltes verschiedene mir bekannte schweizer Gesichter. Zum ersten Clodi Küchlin, die auf einer zweiwöchigen Reise durch Peru und den Amazonas genau jetzt ebenfalls zwei Nächte in Puno verbrachte. Zum zweiten Sabrina Bernhardsgrütter, welche ich von unserer Schulzeit in Bariloche her kannte. Und zum dritten war auch Katja (noch) in der Stadt, so dass wir beim gemeinsamen Nachtessen das chinesische Restaurant mit Schweizerdeutsch füllten.

Schwimmende Inseln

Mit Sabrina unternahm ich einen zweitägigen Ausflug zu verschiedenen Inseln auf dem Titicacasee. Zuerst ging die Fahrt per Boot zu den "Islas flotantes", einer Gruppe von 45 schwimmenden Inseln, welche komplett aus Schilf (Totora) hergestellt sind. Diese Pflanze bestimmt das Leben der Inselbewohner, da auch die Hütten und Botte komplett daraus hergestellt werden.

Genau an diesem Morgen waren die meisten Inselbewohner richtung Puno zu einer jährlichen Feier unterwegs und wir konnten diese farbig geschmückten Boote aus nächster Nähe bestaunen, da unser Schiff den "Umzug" auf halbem Weg kreuzte.


Bei einem Zwischenhalt auf einer solchen Schilfinsel erklärte unser Guide deren Herstellung und die Geschichte dieses einzigartigen Volkes. Es lebt heute vorwiegend vom Tourismus und versteht neben der Schilfverarbeitung auch eine Menge von Selbstvermarktung.


Insel Amantani

Zu der etwas weiter entfernten Insel Amantani ging es während einer 3-stündigen Bootsfahrt. Hier wurden wir einer Familie zugeteilt (es gibt dort sonst keine Übernachtungsmöglichkeit) und auch von dieser in ihrer kleinen und einfachen Küche bewirtet. Gekocht wurde auf offenem Feuer.


Zum Tagesabschluss trafen sich dann alle in der "Mehrzweckhalle" zum Tanz, wobei wir Touristen mit traditioneller Kleidung ausstattet wurden: Männer mit Poncho, Frauen mit Rock und Kopftuch. Das sah nicht nur wegen unserer hellen Haut, sondern auch wegen den Wanderschuhen ziemlich witzig aus.


Insel Taquile

Am nächsten Morgen brachte uns das Boot zur nächsten Insel, nach Taquile. Obwohl nur wenige Kilometer von Amantani entfernt, lebt hier ein Volk mit völlig anderer Kultur. Die Leute sind "einheitlich" gekleidet, so dass man z.B. an der Kopfbedeckung den Zivilstand und den sozialen Status erkennen kann. Ich müsste demzufolge eine weisse Mütze tragen...


Zudem machten wir einen kurzen Spaziergang quer über die Insel, bei welchem uns verschiedene Bewohner bei ihrer täglichen Arbeit begegneten: beim Schafe hüten, beim Holz beschaffen und beim Material die steilen Küstenhänge hochschleppen. Die kleinsten sind von der Arbeit noch ausgenommen.


Auf der Rückfahrt dann plünderten wir noch die eisernen Schokoladenreserven von Sabrina. Es war ein unglaublicher Genuss, sich ein Ragusa auf der Zunge zergehen zu lassen.

Samstag, 4. Oktober 2008

Sucre

Aus Potosí heraus führte uns, das erste mal seit wir in Bolivien sind, eine asphaltierte Strasse. Da wir uns auf einer Höhe von über 4000m.ü.M. befanden, folgte ein Tag mit fast ausschliesslich Abfahrt, jedenfalls kam es uns so vor. Je tiefer wir kamen, desto fruchtbarer und grüner wurde die Gegend. Es wuchsen wieder Eukalyptusbäume und die Täler waren bewirtschaftet.


Millares

Am späteren Nachmittag erreichten wir das Dorf Millares mit seinem Verkehrskontrollposten. Hier müssen alle Fahrzeuge anhalten, was die Dorfbevölkerung ausnutzt und den Passagieren in Auto und Bus verschiedene "Snacks" und Handwerk verkauft. Wir setzten uns zu diesen Verkäuferinnen und probierten alle ihre (essbaren) Spezialitäten aus. Das waren z.B. in Maisblätter eingewickelte, süsse und gebackene Maistäschli, getrocknetes Lamafleisch und gekochte Maiskörner oder Aprikosensirup im Plastiksack. Bei jedem haltenden Fahrzeug sprangen die Verkäuferinnen auf und stürzten sich auf die potentiellen Käufer.


Am Flussufer fanden wir ein ebenes Plätzchen, wo wir unser Zelt aufbauten und die Abendsonne genossen. Da wir nicht ausserhalb des Dorfes campierten, hatten wir schon bald eine Schar neugieriger Mädchen um uns. Diese waren zwar anfangs noch recht scheu, dies änderte sich jedoch rasch...


Unser Zelt lag auch nicht weit vom Schulhaus entfernt, so dass wir während des Morgenessens schon bald die Ausrufe "Gringos, Gringos!!" vernahmen und wenig später umzingelt waren von über 20 Schulkindern. Alles wurde inspiziert und wir natürlich aufs Genauste beobachtet. Als die Schulglocke läutete, verstoben alle Zweibeiner und zurück blieben wir und eine Schweinefamilie, welche nicht weniger neugierig um unser Zelt grunzte.


Sucre

Die zweite Etappe bis nach Sucre war zwar kürzer als die erste, aber um einiges strenger, da wir die "verlorenenen" Höhemeter wieder aufsteigen mussten. Unterwegs waren wir ab einer topmodernen Hängebrücke über ein breites Flussbett recht erstaunt. Diese war zwar traumhaft schön, passte aber irgendwie nicht in diese Umgebung.


In Sucre angekommen, suchten wir wie üblich zuerst die Plaza auf. Diese hier war ausserordentlich belebt und schon nach kurzer Zeit waren wir umgeben von ein paar Burschen, die sich als Schuhputzer ein Sackgeld verdienen. Didis Hut aus Argentinien, welcher während der vergangenen Reise recht gelitten hatte, glänzte nach der Behandlung mehr denn je. Wir verbrachten eine ganze Weile auf der Parkbank mit unseren kleinen Freunden und wissen nicht, wer sich mehr amüsiert hat, die Jungs oder wir.


Das Ding mit dem Visum

Schweizer erhalten bei der Einreise nach Bolivien eine für 30 Tage gültige Aufenthaltserlaubnis. Da diese Zeitspanne für uns Langsamreisende nicht ausreicht bzw. bald ausläuft, suchten wir das Imigrationsbüro hier in Sucre auf. Verlängern kann man diese Erlaubnis um weitere 30 Tage. Dass dieser Vorgang hochoffiziell ist, wurde uns klar, als der Beamte den grossen Save aufschloss, das Papier mit Wasserzeichen herausholte und für jeden von uns eine Aktenmappe eröffnete. Den Pass mussten wir für 24 Stunden im Büro hinterlassen und eine Gebühr entrichten, welche knapp dem 10-fachen von dem entspricht, was wir bei der Einreise nach Bolivien bezahlen mussten.

Donnerstag, 24. Juli 2008

Ankunft in Santiago

Die Hauptstadt Chiles empfing uns mit einem komplett anderen Gesicht, als was wir in den letzten Monaten kennengelernt hatten. Die Metropole mit über 5 Millionen Einwohnern erdrückte uns im ersten Moment beinahe mit ihren Hochhäusern, den 5-spurigen Strassen mit Grossstadtverkehr, dem unabhörlichen Lärm und den unmengen von Leuten. Da wir mit dem Bus in die Stadt einreisten, hatten wir keine "Angewöhnungsphase" und waren von einer Minute auf die andere mit dem neuen Umfeld konfrontiert.


Die erste Nacht verbrachten wir somit in einem kleinen Hotel, da sich Didi in einem besuchten Hostal mit über 100 Bettern und voller Leute schlicht unwohl fühlte, was sich jedoch noch ändern sollte. Das allgegenwärtige Misstrauen, dass hier in der Stadt herrscht, kamen wir auch bereits am ersten Tag zu spüren. Im Hotel bekamen wir ein zweiseitiges Reglement zur Unterzeichnung ausgehändigt, alle Zimmer MÜSSEN mit einem Schloss gesichert werden und einmal klopfte sogar jemand an unsere Zimmertür und warnte uns: "Ihr könnt euere Kochutensilien nicht einfach in der Küche stehen lassen, die werden gestohlen!"

Glücklicherweise wurden sie nicht (gestohlen). Wir wechselten am nächsten Tag die Bleibe in ein sehr zentrales und antikes Residencial, wo es uns wöhler war und blieben hier eine ganze Woche!


Eines der ersten Projekte von Didi war, für seinen Anhänger Ersatzsplints anfertigen zu lassen und die Montagevorrichtung der Lenkertasche zu reparieren. Dazu musste ein Geschäft gefunden werden, welches feinmechanische Arbeiten ausführen kann. Mit einem im Hostal residierenden Musiker besuchte Didi ein Musikgeschäft, wo man ihm die Strasse mitteilte, in welcher die Velogeschäfte seien. Da die Velospezialisten jedoch nur Räder und deren Komponenten verkaufen, nicht aber über eine eigene Werkstatt verfügen, verwies man ihn in die Strasse mit den Autowerkstätten, wo er nach weiterem Fragen in den Hinterteil eines Geschäfts und in ein mikriges Kämmerlein geführt wurde.

Darin sass ein älterer Mann beim Zvieri, umgeben von Regalen vollgestopft mit Altmetall, Blechen, Schrauben und mittendrin stand ein Drehbank.


Als Didi ihm das defekte Teil zeigte mit der Frage, ob er ein Ersatz aus Metall anfertigen könne, meinte dieser: "Muuuy complicado y muy caro!". Er schätzte den Aufwand auf 2 Arbeitstage und forderte einen entsprechenden Preis. Erst als Didi sich setzte und auf einem Stück Papier eine Skizze mit Vermassung entwarf (zwar nicht DIN-konform, aber ganz OK), verringerte sich der Aufwand auf zwei Stunden und der Preis auf ein realistisches Niveau.

Beim Abholen der angefertigten Teile zeigte sich das mittlerweile überaus freundliche Mannlein sogar zu Scherzen aufgelegt, liess sich fotografieren und gab noch eine Restaurantempfehlung ab. Die Ersatzteile waren übrigens perfekt.

Freitag, 4. Juli 2008

Von Pucon nach Cañete

Wir verliessen Pucon in nordwestlicher Richtung und kamen vom Gebiet der deutschen Siedler ins Zentrum der Mapuchekultur.


Grosstadtscheu wie wir sind, umfuhren wir Temuco auf teils sehr einsamen Strassen ueber Pitrufquen, Teodoro Schmidt, Carahue und schliesslich der Pazifikkueste entlang ueber Tirua ins angenehme Staedtchen Cañete. Die Erfahrungen der vergangenen Tage waren gepraegt von eindruecklichen Begegnungen in einer Gegend, in die sich kaum einmal ein Tourist verirrt.


Im Oertchen Teodoro Schmidt machten sich die Leute solche Sorgen, dass wir uns verirren koennten, dass uns eine Frau mit ihrem Auto ca. 15km weit quasi "eskortierte", um uns auf den richtigen Weg zu leiten. Die Kiesstrassen fuehrten uns durch duenn besiedeltes Gebiet und die Leute sprachen uns immer wieder an, woher wir kaemen und wohin wir gingen.

Jorge Gonzalez lockte seine ganze Familie aus dem Haus, um die Sensation Velotouristen zu bewundern und fotografieren. Seine Frau brachte uns "Sopaipillas" (frittierte Broetchen) auf die Stasse und wir referierten und lachten eine ganze Weile.


Gerade zum 25. Geburtstag der freiwilligen Feuerwehr kamen wir im kleinen Oertchen Puerto Dominguez an. Fasziniert verfolgten wir die Zeremonie, in der die Feuerwehrmaenner sangen, paradierten und eine "Feuer-und Wassertaufe" demonstrierten.


Eine beeindruckende, wie eine Schneise aus den Huegeln geschnittene, holperige Kiesstrasse brachte uns an die Kueste. Gauchos auf ihren Pferden und Bauern mit Ochsenkarren kreuzten unseren Weg. Wir kamen nur langsam voran und als es Abend wurde beschlossen wir, am Strand unser Zelt aufzuschlagen. Bei einer der etlichen Schulen die's hier gibt -wir fragen uns, woher die in dieser einsamen Gegend die vielen Kinder nehmen- baten wir um Wasser. Es wurde gerade der "Tag der Kartoffel" gefeiert und in der Schulkueche herrschte Hochbetrieb. Nebst Wasser wurden wir von der Koechin mit einem ganzen Sack voll frisch frittierter Sopaipillas beglueckt.


Wir fuhren an den Strand, genossen den Sonnenuntergang und bauten neben Kuehen und Schweinen unser Zelt auf. Waehrend wir am naechsten Morgen beim Fruehstueck unsere Blicke ueber das Meer schweifen liessen, erfreute eine Gruppe vorbeischwimmender Delphine unsere Augen.



Eine kurze aber anstrengende Berg-und Talfahrt durch eine wunderschoene Gegend brachte uns in den urchigen Ort Tirua. Unterwegs hielt ein Camionfahrer an und wollte uns mitnehmen, doch wir zogen es vor, die schoene Strecke bei herrlichem Sonnenschein selbt zu strampeln. In Tirua versuchten wir unsere leeren Portemonnaies aufzufuellen, was ohne Bancomat gar nicht so einfach war. Schliesslich konnten wir die Betreiber eines Supermercados, welcher Kreditkarten als Zahlungsmittel akzeptiert, dazu ueberreden, dass sie uns fuer unseren Einkauf etwas mehr Geld abbuchten und uns die Differenz auszahlten.


Wir kamen in einem schummrig-schmuddeligen Hospedaje unter und machten dort unsere erste Bekanntschaft mit einer "Elektrodusche". Da wird das Wasser gleich an der Brause elektrisch aufgeheizt und trotz des warmen Wassers duschte Katja mit einem leicht mulmigen Gefuehl.


Die Fahrt nach Cañete war auf guter Teerstrasse durch flaches Gelaende wie Honiglecken. So liessen wir es uns auch nicht nehmen, der Einladung der fuenf Gauchos, die uns von der Strasse winkten, zu folgen. Waehrend einer ein Pferd beschlug, unterhielten uns die anderen bei saurem Most und Crackers. Erst zwei Stunden spaeter fanden wir uns auf der Strasse wieder, um das letzte Stueck bis Cañete unter die Raeder zu nehmen.


Cañete war uns auf Anhieb sympathisch. Wir fanden ein sauberes Hospedaje und goennten uns in einem speziellen Restaurant mit schoenem Ambiente und lokalen Spezialitaeten ein herrliches Nachtessen.