Dienstag, 28. Oktober 2008

Neuer Reiseabschnitt

Nach fast acht eindrücklichen, von vielen wunderschönen und unvergesslichen Erlebnissen geprägten Reisemonaten, haben wir hier in La Paz nach 7500 Kilometern gemeinsamen Radelns beschlossen, dass von nun an jeder seinen eigenen Weg gehen wird.

Die gemeinsame Radreise war für uns beide eine grosse Herausforderung, nicht nur körperlich (wir sassen fast 450 Stunden im Sattel), auch psychisch verlangte das permanente Beisammensein oftmals starke Nerven. Diesem Druck möchten wir etwas nachgeben mit einer individuellen Weiterreise. Wir trennen uns in aller Freundschaft und freuen uns auf unsere nächste Begegnung, sei es noch hier in Südamerika oder auch erst wieder in der Schweiz.


Didi wird die Reise per Rad nach Peru und Ecuador fortsetzen, während Katja auf den "Rucksack" umsteigt. Blog-Leser von Katja's Seite melden sich doch bitte per Mail bei Ihr "katja.reichstein(at)gmx.ch", falls Sie gerne mit Sammelmails über den weiteren Verlauf von ihrer Reise informiert werden wollen. Natürlich lohnt sich für alle Leser weiterhin der Besuch hier beim Diario de bicicleta.

In ca. 2 Wochen kommt Adrian Trüllinger aus der Schweiz mit seinem Rad nach Peru und wird Didi für zwei Monate begleiten. Wir freuen uns auf einen neuen Reiseabschnitt.

Ausflug nach Coroico

An einem Tag machte Didi einen Ausflug per Rad nach Coroico. Dieses Dorf ist weniger fuer seine Sehenswuerdigkeiten bekannt, als fuer seine besondere geografische Lage: es liegt etwas mehr als 100km von La Paz entfernt, dafuer faellt die Strasse waehrend 72km von 4600 auf 1200m.ue.M. ab.


Bis 2006 gab es nur eine einzige schmale Kiesstrasse, welche den steilen Abhaengen entlang in die Tiefe fuehrt. Die oft rutschige Beschaffenheit der Piste, Wasserfaelle die den Hang hinunterstuerzen und die Fahrweise der Bolivianer (nicht selten im betrunkenen Zustand) machten diese Route zur gefaehrlichsten Strasse der Welt, gemessen an den jaehrlichen Todesfaellen. Seit vor 2 Jahren eine neue asphaltierte Strasse nach Coroico fertiggestellt wurde, wird die "alte" Route hauptsaechlich von Touristen genutzt, welche den Downhill-Ride per Mountainbike geniessen.

Einmalig ist vor allem die Tatsache, dass bei einem Gesamtabstieg von 3400 Metern verschiedene Klimazonen durchfahren werden. Gestartet wird auf einer Hoehe, wo kaum ein Grashalm waechst, im Extremfall vom ausgesuchten Tag herrschte beim Start auf El Cumbre (4600m.ue.M) ein ziemliches Schneegestoeber.


Nach 40 Minuten Abfahrt im eiskalten und feuchten Schneematsch hellte es ploetzlich auf und die verschneiten Gipfel leuchteten im Sonnenschein.


Auf einer Hoehe von 3600m.ue.M. beginnt dann die Kiesstrasse, welche sich an den fast senkrecht abfallenden Hang schmiegt. Nicht selten wird man vom herabstuerzenden Wasser "geduscht".


Je weiter hinunter man kommt, desto feuchter und waermer wird das Klima. Es wachsen auf einen Schlag ploetzlich wieder Baeume und die Umgebung wird sichtlich gruener. Bis man sich im Tal (schweissgebadet) von der ueberfaelligen Kleidung entledigt und einem der Duft des feuchten Gruen in die Nase steigt.


Die Rueckfahrt nach La Paz dauerte dann fast 3 Stunden, da der Bus die gesamte Strecke rueckwaerts wieder hinaufklettern muss, gluecklicherweise auf der neuen und geteerten Strasse.

Freitag, 24. Oktober 2008

La Paz

Wie schon erwähnt liegt La Paz mit seinen knapp 900'000 Einwohnern in einem grossen Talkessel, das Häusermeer schmiegt sich bis hoch an die Kante des Canyons. Zuunterst im Tal liegt Downtown mit seinen Hochhäusern. Sobald sich die Nacht über La Paz ausbreitet verwandelt sich das Tal in ein Meer aus Lichtern, welche den kompletten Kessel auffüllen.


Ausserhalb des Kessels (wie auf einem Tellerrand) liegt El Alto, quasi die "Agglo", welche mittlerweile mehr Einwohner zählt als La Paz selber. Sie besteht jedoch praktisch nur aus roten Backsteinmauern und machte auf uns einen tristen und schmutzigen Eindruck.

La Paz selber gilt trotz ihrer Grösse als eine der sichersten Städte Lateinamerikas. Nebst einigen wenigen Supermärkten erhält man hier (wie auch in den anderen Städten Boliviens) in den Gassen an kleinen Ständen alles was das Herz begehrt, vom Parfüm über Kratzhilfen bis zum Popcorn:


Gewisse Strassen sind taeglich voll von farbigen Fruechte- und Gemuesemaerkten, wo z.B. Orangen, Papaya, Bananen und Limonen aber auch alle Arten von Gemuese aufgehaeuft zum Kauf angeboten werden.


Diese Staende sind werk- und sonntags "geoeffnet", von fruehmorgens bis zum Sonnenuntergang. Dass diese Praesenz ermuedend sein kann, zeigt sich darin, dass viele Verkaeuferinnen hinter (oder auf) ihrem Angebot einnicken...

Zurück ins Altiplano

Cochabamba

Der Vorteil einer Grossstadt ist die kulinarische Vielfalt: als Abwechslung zum bolivianischen Standardmenü ("Arroz, Papa y Pollo" = "Reis, Pommes und Poulet") genossen wir bei einem Italiener delikat grilliertes Gemüse und Salat. Unsere angewachsene Lust nach etwas knackigem und grünem konnte so wenigstens etwas gestillt werden.

Die Pneus unserer Räder wurden von Dornen und Nägeln befreit und die Felgen zentriert. So konnten wir neu gestärkt und vorbereitet die nächste Etappe bis nach La Paz in Angriff nehmen.

Weiterfahrt

Auf einer stark befahrenen Hauptstrasse quasi durch die Gewerbezone verliessen wir Cochabamba, teilweise sogar auf einem Radweg.


Entlang der Strasse befanden sich unzählige Werkstätten/Garagen, Ziegeleien und Comedores (Imbissbuden). Nach 30km begann dann der Aufstieg von 2500 auf 4600m.ü.M. Mit uns war auch dieser Eseltreiber unterwegs, welcher gerade ein Fuder Gras in Sicherheit brachte.


Nach 3 Stunden Anstieg setzte nämlich plötzlich ein heftiges Gewitter ein. Seit Monaten hatten wir tagsüber keinen Regen mehr erlebt! Glücklicherweise passierten wir gerade ein paar Häuser, so dass wir in einem kleinen Laden unterstehen und warten konnten, bis das Gröbste vorbei war.

Auf halbem Weg zur Passhöhe (nach immerhin 1000 Höhenmetern) übernachteten wir im Zelt und setzten die Fahrt am nächsten Tag fort. Interessant war, dass sich auf der Passhöhe sicher 15 verschiedene Restaurants mit Miniläden befanden. Hier stockten wir unsere Schoko-Reserven auf.

Es war unübersehbar, dass heute Sonntag war. Die Leute in den Dörfern trugen ihre schönsten Sonntagskleider und trafen sich auf dem Dorfplatz. Es wurde gegessen, lautstark Volksmusik gehört und die Jungen spielten Fussball. Scharen von Kindern versammelten sich um uns, wenn wir gelegentlich anhielten um das Treiben zu beobachten.

Im Dorf Japo versuchten wir zuerst, im "Centro de Medico" unterzukommen. Von anderen Radlern haben wir erfahren, dass man im Sanitätsposten die Nacht am "Schärme" verbringen könne. Die Chefärztin verwies uns jedoch weiter zum Handwerkszentrum mit Unterkunft. In dieser Werkstatt stellen die Frauen aus der Umgebung auf traditionellen Webstühlen Stoffe her, welche dann zu Kleidern, Tüchern oder Taschen weiterverarbeitet werden. Nebenbei betreiben sie auch eine Unterkunft.


Völlig unerwartet kamen wir so zu einem richtigen Bett, einer heissen Dusche und sogar einer Küche, wo wir unser Nachtessen zubereiten konnten. Eigentlich hätten wir gerne auswärts gegessen, dies sei jedoch hier im Dorf nur an einem Tag pro Woche möglich - heute war nicht dieser Tag.

Am Strassenrand trafen wir auf der Weiterfahrt einen Typen, welcher Kartoffeln verkaufte und wir quatschten eine Weile mit ihm. Der fotografierte Hemden-Tausch kam leider nicht zustande, da er ein anderes/sauberes T-Shirt von Didi wollte. Also eigentlich wollte er nur den Inhalt unseres Gepäcks sehen...


Nach einigem Auf und Ab öffnete sich das Tal und wir fuhren hinaus in die grosse Ebene des Altiplano. Hier sichteten wir seit langem wieder weidende Lamas, Frauen mit Melonen statt Strohhüten und pflügende Ochsen.





Beim Blick über die weite Ebene stechen einem immer wieder kleinere oder grössere Sandwirbel (so genannte "Staubteufel" oder "Dustdevils") ins Auge, welche durch thermisch aufsteigende Luft entstehen. Hier ein ziemlich eindrückliches Exemplar.


Im Ort Caracollo fragten wir in verschiedenen Unterkünften nach einem Schlafplatz. Bis auf eine wurden wir jedes mal enttäuscht - nicht, weil es kein Platz hatte, sondern keine Duschmöglichkeit. Ein Hostelbesitzer argumentierte, wir könnten uns im nahen Dorfbach waschen. Nur, dass dieser im Moment keinen Tropfen Wasser führte, war ihm glaub nicht bewusst.


Der letzte Tag auf dem Weg nach La Paz war dann der längste und strengste. Auf den über 100km hatten wir ständig leichten Gegenwind. Unterwegs trafen wir die beiden Holländer Radler Wouter und Will, welche das gleiche Ziel hatten wie wir. Wouter ist bereits seit 18 Monaten unterwegs, beradelte Asien, Südafrika und jetzt Südamerika.


Ankunft in La Paz

20km vor La Paz erreichten wir das Häusermeer von El Alto, der Vorstadt von La Paz. In Wolken von Abgasen und entlang einer endlos erscheinenden staubigen Hauptstrasse durch die Backsteinmauern gelangten wir endlich an die Kante des Canyons, worin sich La Paz ausbreitet.


Eine rasante Abfahrt folgte und wir fanden uns einmal mehr mitten in einem belebten südamerikanischen Strassenmarkt wieder.

Es gibt zwei Methoden, wie wir in einer uns unbekannten Grossstadt Orientierungshilfe bekommen. Entweder wir fragen aktiv einen Ortsansässigen oder - diese Variante verwenden wir öfters und lieber - wir halten einfach an einem menschenreichen Platz und warten, bis uns jemand anspricht. Diesmal waren es zwei uniformierte Polizisten, welche uns "gwundrig" ausfragten und uns breitwillig den Weg zu unserem Hostel erklärten.

Nach dieser 105km-Etappe gönnten wir uns ein ausgiebiges Nachtessen, mit Salatteller, Fleisch, Pommes und einem grossen Stück Schokoladentorte zum Abschluss.

Freitag, 17. Oktober 2008

Aiquile bis Cochabamba

Im Hostal genossen wir erstmal die Dusche, welche zwar kalt war und nur tröpfchenweise Wasser lieferte, aber sie befreite uns von einer dicken Staubschicht.


Während eines abendlichen Spazierganges durch die Strassen von Aiquile erblickten wir plötzlich eine Charangowerkstatt, wo ein Instrumentenbauer noch immer am Werk war. Wir durften sein "Revier" betreten und der freundliche Typ erkärte uns alles Wissenswerte über die Herstellung dieser Saiteninstrumente.

Vor der Weiterfahrt am nächsten Tag deckten wir uns am Sonntagsmarkt mit frischen Früchten ein. Einmal mehr genossen wir die lebhafte Athmosphäre zwischen den Gemüse- und Früchteständen, Schuhmachern und anderen Handwerkern.


Ab jetzt begann eine Strassenart, welche wir in der Schweiz ebenfalls kennen - nämlich von der Tremola auf dem Gotthard. Es folgten 72km Kopfsteinpflaster, welche uns und die Räder ziemlich heftig durchschüttelten. Zum Glück gab es meistens einen sandbedeckten Seitenstreiffen, was die Fahrt etwas angenehmer machte.


Auf dieser Strasse durchquerten wir ein tiefes Tal, was eine rasante Abfahrt und ein umso strengerer Anstieg auf der anderen Seite mit sich brachte. Vor dem Aufstieg erkundigten wir uns im Dörfchen, ob es ein Laden o.ä. gäbe, um unseren Durst zu stillen. Wir wurden zu einer Hütte verwiesen, wo uns eine uralte Greisin in ihrem Wohnzimmer 2 Flaschen Limonade verkaufte. Verständigen mussten wir uns mit Händen und Füssen, da die Frau nur Quechua sprach.


Nach dem mehrstündigen Aufstieg raus aus dem Tal begann es zu dämmern und wir benötigten dringend Wasser für das Abendessen und den morgigen Tag. Einen Fluss oder Bach gab es weit und breit nicht. So klopften wir bei Campesinos an und baten um einige Liter Wasser. Erst beim zweiten Anlauf stiess unsere Bitte auf offene Ohren, da die Flüssigkeit per Camion von weit her geholt werden muss und entsprechend rar ist. Mit einigen gefüllten Flaschen im Gepäck und sichtlich erleichtert suchten wir einen ebenen Platz, wo wir campierten.

An diesem Abend entschlossen wir einstimmig, dass wir ab heute auf dieser Höhe keine Pasta und kein Reis mehr zubereiten werden. Die pampigen und teigigen Hörnli waren nur dank Oliven und Peperoni knapp geniessbar.


Für die ca. 3-stündige Etappe bis ins nächste Dorf blieb uns nur wenig Wasser übrig, welches eisern eingeteilt werden musste. Die schweisstreibende Piste und die heissen Temperaturen trockneten unsere Kehlen aus, so dass wir "halb verdurstet" in Totora bei einem Laden ein 2-Liter-Fanta im Handumdrehen leerten.

Ab jetzt war wieder Teer und vor allem Abfahrt angesagt, zumindest bis ins Dörfchen Epizana. Hier stach uns vor allem eines ins Auge: das Hotel Hilton. Nicht scheu und fast aus Jux erkundigten wir uns über eine Übernachtungsmöglichkeit und bezogen ein Zimmer. An die Luxus-Hotelkette Hilton erinnerte jedoch weder das Plumpsklo, die Zimmertür ohne Türfalle und Schloss noch die Tatsache, dass wir zum duschen über die Strasse ins Haus der Hotelbesitzerin durften/mussten.

Jetzt trennte uns nur noch der 3600 Meter hohe Paso Siberia von Cochabamba. Diesen namen wir tags darauf mit starkem Seitenwind in Angriff. Entlang eines fruchtbaren Tales stiegen wir quasi den ganzen Tag kontinuierlich leicht hinauf, bis unser Höhenmesser und eine Ortstafel auf die Passhöhe hinwiesen. Die Bauern bewirtschaften hier Felder, welche bis weit an die Berghänge hochreichen, mit Mais, Kartoffeln und Soja.


An einem idyllischen Bach auf der anderen Seite des Passes erspähten wir das ideale Nachtlager. Nach dem Einholen der Erlaubnis bei den "Nachbarn" zapften wir frisches Wasser aus dem Bach und genossen ... richtig, keine Pasta, sondern Kartoffelstock mit frischer Tomatensalsa. Am nächsten Morgen überraschte uns die Nachbarsfrau mit einer Tasse heissem "Tojori", einem Maisgetränk mit Zucker und Zimt. Lecker!


Die letzten Stunden hauptsächlich bergab brachten uns schliesslich in die Grossstadt Cochabamba. Unsere Taktik, erstmals richtung Zentrum zu fahren, führte uns durch einen riesigen Strassenmarkt mit dichtem Gewühl aus hupenden Autos, Passanten, Verkäufer(innen) und unzähligen Ständen mit frischen aufgehäuften Früchten und Gemüsen. Wir zirkelten unsere Gefährte erfolgreich durch die Menge und stiegen in einem Hostal ab, wo der Innenhof mit farbigen Blumen bepflanzt ist.